Theorie & Praxis einer Vision
Rückkehr in eine vergangene Epoche

Was wäre nun, wenn es möglich wäre, das Rad der Zeit zurück zu drehen und Herrn Walter Haerpfer zu bitten, die in der Zukunft liegenden Erkenntnisse über die Orgelbautradition seiner Vorfahren in seinem Orgelneubau zu St. Lutwinus eher zu berücksichtigen als die Forderungen einer zeitgenössischen, vergehenden Vision namens „Orgelreform“, wenn wir ihm nämlich berichten könnten, dass die Instrumente des 19. Jahrhunderts auch im 21. Jahrhunderts die höchste Vollendung der Orgelbaukunst darstellen würden, die bis heute nicht mehr erreicht wurde? Und wenn wir ihm mitteilen würden, dass die Komponisten wie Widor, Vierne, Reger und alle wichtigen Meister der französischen, deutschen und englischen Romantik, die zu seiner Zeit am wenigsten gepflegt wurden, ausgerechnet zum Ende des 20. Jahrhunderts eine der wesentlichsten Rollen im liturgischen und konzertanten Repertoire der Orgelwelt spielen würden? Dies hätte dann in letzter Konsequenz geheißen, den Typus der höchsten Blüte der Orgelbaugeschichte zu verwirklichen, der noch dazu zeitlich in die Epoche der Erbauung von St. Lutwinus gefallen wäre.

Wie im Abschnitt "Restaurierung 2007" erläutert, wäre jegliche wesentliche Erweiterung der Lutwinus-Orgel mit heutigen Materialien bei der Restaurierung 2007 kontraproduktiv gewesen; ebenso wenig kam ein Neubau in Betracht. Die einzig vertretbare Vision wäre gewesen und bleibt dies immer noch, die Orgel im Sinne der symphonischen Romantik nachträglich zu erweitern und dabei das einzig adäquate Material zu verwenden, das bei diesem Unternehmen zum wirklichen Erfolg führen kann: nämlich Originalmaterial, angefertigt in dieser Epoche. Da diese Epoche aber bereits seit mehr als hundert Jahren vergangen ist, erscheint dieses Ansinnen unrealistisch und undurchführbar. Selbst die heutige Fertigung im historisierenden Stil bringt selten wirklich die Qualität hervor, wie sie vor unserer Zeit gepflegt und erreicht wurde. Dies belegen zahlreiche Versuche im Orgelbau, aktuell historisierende Instrumente zu bauen, die lediglich nur nahe an das Vorbild herankommen, ohne es wirklich zu erreichen.


Adäquates Pfeifenmaterial für die Erweiterung

Der viktorianische Orgelbau des 19. Jahrhunderts in England genießt heute das gleiche Ansehen wie der romantische im Frankreich derselben Epoche. Orgelbauer wie Henry Father Willis (1821-1901)
{15} oder James Jepson Binns (1855-1928) spielen dort eine ähnliche Rolle wie Cavaillée-Coll in Frankreich. Henry Willis zeichnete wie Cavaillée-Coll für einige wichtige Neuerungen und Erfindungen verantwortlich, die dem viktorianisch-romantischen Orgelbau wesentliche Impulse gaben. Die Ästhetik der beiden Stilrichtungen, französisch - und englisch-romantischer Orgeln, geht in Richtung des orchestralen Klangbildes ähnliche Wege, wobei das britische Ideal etwas dunkler, vornehmer und runder ist, die Zungen sind weniger brillant aber dennoch sehr präsent.
Aufgrund glücklicher Umstände ist es gelungen, originales Pfeifenmaterial des viktorianischen Orgelbaus aus dem England (und Schottland) des 19. Jahrhunderts zu besorgen. Damit ist die oben angedachte Erweiterung im Sinne der Erbauungsepoche von St. Lutwinus tatsächlich möglich geworden.

{15} Louis Vierne widmete sein berühmtes Orgelstück „Carillon de Westminster“ diesem Orgelbauer.