Die Orgelbewegung in Mettlach
Ein Beispiel für die Arbeit der ursprünglichen Orgelbauwerkstatt „Dalstein & Haerpfer“ war die Orgel der Kathedrale Notre-Dame in Luxembourg aus dem Jahr 1880, erbaut lange vor der Epoche der Orgelbewegung. Diese Orgel war ein gutes Beispiel für die romantische Orgelbaukunst im 19. Jahrhundert. Vergleicht man Orgelneubauten der Nachfolgewerkstatt Haerpfer-Erman miteinander {8}, fällt auf, dass die romantische Tradition gegenüber der Orgelbewegung in jedem Falle überwiegt. Und bei Restaurationsarbeiten {9} lag die Priorität offensichtlich auf der Erhaltung ursprünglicher Merkmale bis hin zur versuchten Rückführung in den Originalzustand {10}. Hierin zeigt sich, dass Haerpfer-Erman der elsässischen Orgelbewegung näher stand als der deutschen. So weisen diese Orgeln deutliche Unterschiede zu den Machwerken anderer Orgelbauer auf, die ihrerseits erst im Zuge des beginnenden 20. Jahrhunderts ihre Arbeit aufgenommen hatten und überhaupt erst aus dem durch die Zerstörungen des 2. Weltkriegs resultierenden Orgelneubauboom ihre Existenzgrundlage mittels Quantität und weniger der Qualität ableiten konnten. Man kann es daher als großen Glücksfall bezeichnen, dass der Lutwinuskirche dieses Instrument vergönnt ist.

In der Broschüre „50 Jahre Haerpfer-Erman-Orgel“, die anlässlich der erfolgten Restaurierung der Orgel in Mettlach 2007 erschien, steht zu lesen: „Ihr Klang verbindet aber die Einflüsse der in den 1950er Jahren sich mehr und mehr profilierenden ,Orgelbewegung‘, deren Ideale sich an Prinzipien des barocken Orgelbaus orientierten, mit den Einflüssen, die von der französischen Herkunft des Orgelbauers und der elsässisch-romantischen Bauart der wiederverwendeten Register ausgehen.“ Diese Aussage lässt sich weitergehend spezifizieren, dass die deutsche Orgelbewegung allenfalls in geringen Auswirkungen bemerkbar ist und dass weiterhin, insbesondere passend zu anderen Werken Haerpfer-Ermans sich der Typus der sogenannten neo-klassischen Orgel nach den Ansichten der „Elsässischen Orgelreform“ in Mettlach profiliert.

Im Gegensatz zum neo-barocken Orgeltyp der deutschen Orgelbewegung, orientiert an einer ideologisierten Barock-Orgel, die nie existiert hatte, geht die neo-klassische Orgel auf die Hochform des romantischen Orgelbaus im Sinne Aristide Cavaillé-Colls (1811-1899) zurück, der die französische romantisch-symphonische Orgel im 19. Jahrhundert sowohl initiiert und entwickelt, als auch zu ihrer höchsten Vollendung geführt hatte. Diese Orgel des 19. Jahrhunderts bedingte und förderte die Entwicklung der französischen Orgelsymphonik als neue Blüte der Orgelkunst und stand mit ihr im ständigen Dialog. Sie war die Voraussetzung für die symphonischen Orgelwerke Alexandre Guilmants (1873-1911), Charles-Marie Widors (1844-1937) und Louis Viernes (1870-1937). Als besondere Höhepunkte dieser Epoche gelten die Orgeln in St. Sulpice, Paris (1862)
{11} und St. Ouen, Rouen (1890 das letzte Werk Cavaillé-Colls). Da diese Orgeln auch heute noch nahezu unverändert erhalten sind, lässt sich das damalige Klangideal zuverlässig nachvollziehen.
Einige wesentliche Modifikationen, die die Elsässische Orgelreform für ihren neo-klassischen Typ am Konzept der romantischen Orgel des 19. Jahrhunderts propagiert hatte, waren die Hinzufügung eines Rückpositivs
{12}, die insgesamt zurückhaltende Intonation {13} aller Stimmen, vor allem der Zungen und die Vernachlässigung des für eine Orgel solcher Größe so wesentlichen 32-Fuß-Fundaments. Entsprechend ist in Mettlach das Rückpositiv barock konzipiert und entspricht damit seinem eigentlichen Vorbild des 17./18. Jahrhunderts.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Orgel der Lutwinuskirche als Kind ihrer Erbauungszeit bei allen Vorzügen, die sie hat, dennoch mehr einer ideologischen Konzeption denn einer künstlerischen Verpflichtung folgt, die mit dem oben beschriebenen Traditionsbruch einhergeht. Betont werden muss an dieser Stelle noch einmal, dass es sich hier keineswegs um einen Einzelfall handelt, sondern um eine - auch weltanschauliche - Konsequenz der Epoche.
Der Unterschied zur heutigen Zeit besteht in der Hauptsache darin, dass erstens die Orgel der Romantik, insbesondere der symphonische Typ, in seinem künstlerisch-ästhetischen Wert wieder voll und ganz wahr genommen wird und zweitens, damit wechselwirkend, die Musik, die für diesen Orgeltyp komponiert wurde, im Unterschied zu ihrer Vernachlässigung in der Mitte des 20. Jahrhunderts heute wieder sowohl geschätzt als auch gepflegt wird. Nachdem gegen Ende des 20. Jahrhunderts die französische Symphonik eine Renaissance in Deutschland erlebte
{14}, steigt bei uns in jüngster Zeit auch das Interesse am romantisch-symphonischen Orgelschaffen des angelsächsischen Raumes. Dies ist eine Entwicklung, die in wesentlichem Gegensatz zur Erbauungsepoche unserer Orgel steht. Daraus folgt eine gewisse Divergenz zwischen den heutigen künstlerischen und liturgischen Anforderungen, die an eine Orgel einer repräsentativen Kirche wie St. Lutwinus gestellt werden, und dem was zur Zeit ihrer Erbauung angeboten oder umgesetzt werden sollte und konnte. Denn es steht fest, dass sowohl die französische als auch die englische Orgelsymphonik auf dieser Orgel hinsichtlich authentischer Darstellung Wünsche offen lässt. Die durch die Elsässische Orgelreform umgesetzten Merkmale stehen zu dieser Musik naturgemäß in zu großem Gegensatz.
Letztlich fand der Orgelneubau im Jahre 1957 mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Erbauung der Lutwinus-Kirche selbst in einer deutlich späteren Epoche als der des Originalinstrumentes statt.

{8} Saint Quentin, Collégiale, erb. 1968; Paris, Saint-Germain des Près, 1973

{9} Elbeuf, Église de l‘Immaculée Conception, 1954; Nancy, Cathédrale Notre-Dame, 1963

{10} Versailles, Cathédrale Saint-Louis, 1987

{11} Gegenwärtig sind Bestrebungen im Gange, dieses Instrument zum Weltkulturerbe der UNESCO zu erklären.

{12} Das Rückpositiv ist der kleine Teil der Orgel, der an der Emporenbrüstung angebracht ist und hierdurch im „Rücken“ des Organisten steht. Cavaillé-Colls Konzept beinhaltete keine Rückpositive; dasjenige in St. Sulpice ist zwar sichtbar, geht aber auf die Vorgängerorgel Cliquots zurück und ist stumm, beinhaltet also keine klingenden Pfeifen.

{13} Unter der Kunst der Intonation versteht man die klangliche Anpassung der Orgelpfeifen an den Aufstellungsraum des Instrumentes, hinsichtlich verschiedener Parameter wie Ansprache, Klangfarbe, Lautheit etc. Die Intonationsweise einer Orgel ist immer in Abhängigkeit ihres epochal zugeordneten Typus zu sehen.

{14} während sie auch zu dieser Zeit in den USA zum Standard-Repertoire gehörte.