Exkurs „Orgelbewegung“
Die „Orgelbewegung“, im Jahre 1909 in Form eines „Regulativs für den Orgelbau“ durch Albert Schweitzer gemeinsam mit einem Gremium (Kongress der Internationalen Musikgesellschaft in Wien vom 25. bis 29. Mai 1909) initiiert, und schließlich durch die „3. Tagung für deutsche Orgelkunst“ vom 2. bis 7. Oktober 1927 in Freiberg eingeläutet, schlug einen Weg ein, der zwar einerseits im Sinne Schweitzers agierte, andererseits einige seiner berechtigten Ansätze missverstand, beziehungsweise übersteigerte. Dabei wird zwischen den Auswirkungen der deutschen und denen der elsässischen Orgelbewegung unterschieden.
In Deutschland wurde insbesondere in der Mitte des 20. Jahrhunderts versucht, ein idealisiertes barockes, genannt „neobarockes“ Orgelklangbild wieder zu beleben, das jedoch, wie man sich heute bewusst ist, so nie existiert hat. Die Entwicklungen des romantischen Orgelbaus hin zur symphonisch-orchestralen Orgel sowohl in Frankreich beispielsweise von Seiten des berühmten Cavaillé-Coll als auch in Deutschland wurden als dekadent eingestuft und aufs Drastischste zurückgewiesen. Dies geschah, während Schweitzer noch der Ansicht war, dass gerade auf der französisch-romantischen Orgel die Werke J.S. Bachs besonders gut darzustellen seien, wenn die Zungenstimmen nicht so massiv wären, beziehungsweise der Gesamtklang dieser Instrumente weniger gewaltig wäre.
Albert Schweitzer idealisierte in diesem Zusammenhang die Silbermann-Orgeln im Elsass, die jedoch schon eine erste romantische Prägung hatten, während er die wirklich barocken Instrumente im Osten oder Norden Deutschlands nie wirklich kennenlernte.
Diese Umstände, zusammengenommen mit dem Gedankenungut des deutschen Nationalsozialismus bedingten eine sehr ungünstige Entwicklung des Orgelbaus, der heute berechtigterweise als Bruch in dessen Tradition und Entwicklung gesehen wird.

Schweitzers überraschende Maßgabe, dass die Orgeln des 17. Jahrhunderts und diejenigen bis zum siebten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts allein der Maßstab für den kommenden Orgelbau des beginnenden 20. Jahrhunderts sein sollten
{5}, wurde auf diesem Wege sehr wörtlich genommen und trieb größtenteils sehr fragwürdige Früchte. So wurden viele romantische Orgeln des 19. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert „verbessert“, indem man sie ihres originalen Klangbildes beraubte, und dieses durch ein der Philosophie der Orgelbewegung entsprechend „barockisierendes“, schwächelndes, kraftloses Klangbild ersetzte. So wurden zahlreiche romantische Orgeln zerstört. Jean Guillou beschreibt es so: (Zitat) „Kein Instrument, das seit dieser Zeit im Namen dieser Bewegung gebaut worden ist, zeigt in geringstem Maße jene Eigenschaften, an welche uns die Cliquot oder die Schnittger (originale barocke Orgelbauer) gewöhnt hatten. Weit entfernt davon beweisen diese Instrumente, wie oft sie seither auch umgebaut worden sind oder heute in Ruinen liegen, einen solchen Mangel an Klangfarbe, daß man glaubte, dem entgegenwirken zu können, indem man mit Hilfe einer elektropneumatischen Traktur die Sub- Superoktavkoppeln vervielfachte, um ihnen eine gefälschte Brillanz und eine lächerliche Intensität zu geben. Zweifellos hatte man vergessen, daß Feinheit nicht Knappheit bedeutet, daß Weichheit nicht Dünne ist, daß Klarheit nichts mit Härte gemein hat, daß die Prinzipale eine großzügige Klangfarbe haben müssen, die sie durch weite Mensuren und eine gute Windversorgung erhalten, daß sich ein Mixturenchor nur auf diesem Farbenreichtum abstützen kann und daß er nicht nur dadurch existiert, daß er aus hohen Tönen zusammengesetzt ist, ohne Körper und ohne Farbe, meistens hart und aggressiv...Ungeachtet dieser Schwächen und um sich auf dem schlechtgewählten Weg, der mit Irrtümern und falschen Theorien bestreut war, sicher zu fühlen, hielt man es für einfacher, den Orgelbau des vorgehenden Jahrhunderts insgesamt zu verurteilen und die Theorien von Abbé Vogler und Cavaillé-Coll in ein- und denselben Bannfluch miteinzubeziehen. So sahen wir die Zerstörung oder die Entstellung unzähliger Instrumente...Die Jahre zwischen 1930 und 1970 haben unter den Orgeln ein größeres Massaker angerichtet, als dies die französische Revolution und alle Kriege zusammen getan haben.“ (Zitat Ende) {6}
Ein gutes Beispiel in unserer saarländischen Region ist die wunderbare Orgel der Gebrüder Stumm in der Hugenottenkirche Ludweiler, die, nachdem sie bereits seit ihrer Erbauung 1857 anstandslos spielbar und klangschön war, im Jahre 1950 destruktiv umgebaut wurde. Sie wurde ihrer Mechanik beraubt, gänzlich elektrifiziert und das Klangbild wurde der Orgelbewegung entsprechend umintoniert. Das Resultat war ein Instrument, das bis zum Jahre 1998 eine Art Dornrößchenschlaf hielt, bis in diesem Jahr die Entscheidung gefällt werden musste, ob eine Reparatur noch sinnfällig gewesen sei - oder gar der Abriss. Schließlich wurde die Orgel äußerst fachgerecht von dem auf diese Arbeiten spezialisierten Orgelbauer Rainer Müller, Odernheim, in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt und sinnvoll erweitert. Seitdem gehört diese Stumm-Orgel in Ludweiler wieder zu den Perlen der hiesigen Orgellandschaft und ist weit über die saarländischen Grenzen hinaus berühmt für ihre makellose Klangschönheit; so konnte sie aufgrund der später einsetzenden korrigierten Bewertung ihres Ursprungs die Orgelbewegung gleichsam im Nachhinein überleben.
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Albert Schweitzer bemängelte 1906 in seiner Schrift „Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst“ die ideologische Trennung der europäischen Nationen Frankreich und Deutschland, ferner Großbritanniens, auf dem gesamten Gebiet des Orgelbaus und der Orgelmusik und forderte eine synergetische Umorientierung, die das Beste aus allen Welten sowohl in der Orgelbaukunst als auch in der Orgelkunst, also der Kunst des Orgelspiels, verbinden sollte. Auffälligerweise beschreibt sowohl Schweitzer in der damaligen Zeit als auch Guillou im Jahre 1984, also 78 Jahre später, den US-amerikanischen Orgelbau in seinem Verlauf genau als diese Kombination, da die Amerikaner aus der Diversität ihrer ursprünglichen Herkunftsländer heraus die verschiedenen Merkmale der europäischen Orgelbaukunst bereits zusammen führten.

Entgegen den recht drastischen Ausführungen Jean Guillous in Sachen Deutsche Orgelbewegung wurden auch während dieser Zeit - wenn auch selten - Orgeln gebaut, die sich weniger auf die deutsche Variante der Orgelbewegung, sondern mehr auf die elsässische bezogen. Interessant in diesem Zusammenhang dürfte sein, dass bei dem oben erwähnten Kongress von 1909 ein Orgelbauer namens Frederic Härpfer (sic) aus Boulay mitwirkte, er war der Vater Walter Haerpfers, der mit seiner Orgelbauwerkstatt Haerpfer-Erman, hervorgegangen aus der im Jahre 1863 als „Dalstein & Haerpfer“ gegründeten Firma, die Orgel der Lutwinuskirche 1957 erbaute. Vor diesem Hintergrund ist das elsässisch orgelbewegte Konzept der Orgel in St. Lutwinus es wert, näher betrachtet zu werden.

{5} Albert Schweitzer - „Deutsche und Französische Orgelbaukunst und Orgelkunst“; Reprint der Erstausgabe von 1906 bei
Breitkopf & Härtel, 2002

{6} Jean Guillou - „Die Orgel“, Christoph Glatter-Götz 1984, S. 157 ff.

{7} Weitere Informationen zu dieser Orgel im Internet: www.stumm-orgel-ludweiler.de