Die Restaurierung der Orgel im Jahre 2007
Die Orgel der Lutwinus-Kirche in ihrer momentanen Gestalt wurde im Jahre 1957 von der lothringischen Orgelbauwerkstatt Haerpfer-Erman erbaut. Dabei wurde ein großer Teil des vorhandenen Pfeifenmaterials (insgesamt 15 Register {1}) aus der Vorgängerorgel des Orgelbauers Heinrich Koulen aus dem Jahre 1904 in den Neubau übernommen. Dieser Schritt war sicherlich sinnvoll und richtig, da diese Pfeifen von hohem orgelbaukünstlerischem Wert waren. Material und Klang der entsprechenden Register waren und sind im Sinne einer romantischen Orgel sehr hochwertig. Dies war in der kargen Nachkriegszeit der 50er- und auch noch der 60er-Jahre anders, selten konnte in den Orgelneubauten dieser Zeit wirklich hochwertiges Material verarbeitet werden. Hinzu gesellte sich die durch die „Elsässische Orgelbewegung“ geprägte Klangvorstellung dieser Zeit, doch dazu unten mehr. Diesbezüglich sei angemerkt, dass die klanglich mit am schönsten Stimmen der jetzigen Orgel vor allem aus dem Vorgänger-Instrument romantischer {2} Prägung stammen.

Im Jahre 2007 wurde die Orgel durch den Orgelbaumeister Bernhard Kutter, Thüringen, umfassend restauriert. Dabei wurde vor allem erheblicher Materialschwund, wie er sich an den Instrumenten aus dieser Zeit häufig zeigt, beseitigt. Die Prospektpfeifen wurden erneuert, weil sie sich aufgrund zu instabilen Materials irreparabel verformt hatten. Die elektrische Anlage der Orgel, eine aus heutiger Sicht antiquierte und inzwischen sehr reparaturanfällige Technik, wurde von Grund auf erneuert und auf den heute möglichen Stand der Technik gebracht. Schließlich wurden noch der Einbau der hervorragenden Soloflöte 8‘ (künftiger Name „Seraphonflöte“) und der „Nachtigall“
{3} vorgenommen. Ferner wurden der oberste Chor der Hauptwerksmixtur stumm gelegt und die Mixtur des Schwellwerks eine Oktave nach unten versetzt. Insbesondere diese beiden Maßnahmen belegen, dass 2007 bereits einige Parameter des Konzeptes von 1957 als nicht mehr geschmacklich tragbar angesehen wurden {4}. Gleichwohl, wie in der Orgelbroschüre, die 2007 anlässlich der Restaurierung erschien, beschrieben, wurde versucht, den Typus der neo-klassischen Orgel des Instrumentes von 1957 zu erhalten. Zu diesem sensiblen Thema weiter unten mehr.
Vor dem Hintergrund des finanziell möglichen Aufwands für die Restaurierung wurde diese sicherlich auf dem bestmöglichen Weg umgesetzt. Die Alternativen wären gewesen, die Orgel nach heutigen Maßstäben völlig umzubauen, oder sie gar durch ein neues Instrument zu ersetzen. Die erste Alternative hätte vermutlich zu einer irreversiblen Entfernung in Richtung „moderne Universalorgel“ geführt, da heute gefertigtes Pfeifenmaterial hätte verwendet werden müssen und man sich damit vom originalen romantischen Stil der ursprünglichen Orgel noch weiter entfernt hätte. Ein neues Instrument, die zweite Alternative hätte die originale Orgel zugunsten eines modernen Kompromisses gänzlich zerstört; Kompromiss deshalb, weil in der heutigen wirtschaftlichen Situation ein in Größe und Materialwert vergleichbares Neuinstrument jeden finanziellen Rahmen gesprengt hätte.

So war wirtschaftlich und künstlerisch die 2007 geschehene Restaurierung der sinnvollste Weg. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Restaurierung im Jahre 2007 die Erhaltung des Instrumentes gewährleistet und somit die Voraussetzungen für die aktuell angestrebte Erweiterung geschaffen hat.

{1} Eine Orgel hat mehrere, je nach Größe auch sehr viele Pfeifenreihen, die jeweils aus Orgelpfeifen gleicher Bauart und Klangfarbe bestehen. Eine Pfeifenreihe (manchmal auch mehrere) wird zu einem Register zusammengefasst, das vom Spieltisch aus an- und abgeschaltet werden kann. Die meisten Orgeln enthalten mehrheitlich Labialpfeifen, bei denen die Luftsäule im Innern durch Anblasen eines Labiums (lat. Unterlippe) zum Schwingen gebracht und damit der Ton erzeugt wird. Sie werden durch Lingualpfeifen, auch Zungenpfeifen genannt, ergänzt, bei denen die Tonerzeugung durch ein schwingendes Zungenblatt erfolgt.

{2} Die Epoche des „romantischen“ Orgelbaus erstreckt sich in etwa vom Ende des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, wobei nationale Unterschiede bestehen. Im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland, wo die Tradition unterbrochen wurde, hatte man sie in Großbritannien und dem anglo-amerikanischen Raum ununterbrochen weiter gepflegt und bis heute fortgesetzt.

{3} Die „Nachtigall“ ist ein Effekt, der mittels einer in der Barockzeit entwickelten Mechanik den Vogelgesang imitiert.

{4} siehe das Zitat von Jean Guillou zum Stichwort „Mixturenchor“ im Abschnitt "Exkurs Orgelbewegung"